Vahlhausen bei Horn mehr als 1150 Jahre alt

Ausschnitt aus einer alten Postkarte

Eine kurze Geschichte des Dorfes und seiner Höfe und Stätten
von Roland Linde

Ortsnamen mit der Endung „-hausen” gehören zu den häufigsten Ortschaftsbezeichnungen im deutschen Sprachgebiet. Sie entstanden fast alle im frühen Mittelalter (ca. 500-1000 n. Chr.). Für das Gebiet des späteren Lippe rechnen die Siedlungsgeographen und Archäologen damit, dass die „-hausen” -Orte in der Zeit nach der Eroberung durch die Franken gegründet wurden, also im späten 8. und im 9. Jahrhundert. Gleich zwei Siedlungen wurden Vahlhausen genannt, und nicht weit entfernt entstanden im heutigen Kreis Höxter zwei weitere Dörfer dieses Namens, die allerdings im Spätmittelalter (ca. 1250-1500) wieder aufgegeben wurden. Von der Gründungsphase des Dorfes Vahlhausen im Naptetal bei Horn zeugen Funde, die 1988 in unmittelbarer Nähe der Siedlung beim Bau der Bundesstraße 1 neu von den Archäologen des Lippischen Landesmuseums in einer Notgrabung geborgen werden konnten, Es handelt sich um Keramik des 8. bis 10. Jahrhunderts, die sich in 14 großflächigen, verfüllten Gruben auf einem zur Napte hin abfallenden Gelände befanden. Einige weitere Bodenbefunde könnten Überreste von Pfählen eines Hauses sein.

Das genaue Gründungsdatum von Vahlhausen ist nicht bekannt. Es liegt jedoch vor dem Datum der Ersterwähnung. Bereits in Dokumenten des Klosters Corvey aus der Zeit zwischen 822 und 876 n. Chr. wird der Ortsname Vahlhausen viermal verzeichnet. Da Corvey noch im Jahre 1358 Grundbesitz in Vahlhausen bei Horn hatte, dürfen wir wohl annehmen, dass sich mindestens eine dieser Erwähnungen auf das Naptedorf bezieht. Die durch den Heimatforscher Arthur Schöning in Umlauf gebrachte Behauptung, Vahlhausen bei Horn würde um 846 n. Chr. erstmals urkundlich erwähnt, hat zwar einiges für sich, doch ist damit kein unumstößliches Datum vorgegeben. Vorsichtiger wäre zu sagen, dass mit größter Wahrscheinlichkeit das Kloster Corvey um die Mitte des 9. Jahrhunderts, also vor ungefähr 1150 Jahren, Grund und Boden in unserem Vahlhausen von einem Adligen geschenkt erhalten hat. Mit solch vagen Formulierungen befindet sich Vahlhausen in bester Gesellschaft.

Nur in Ausnahmefällen kann sich ein Dorfjubiläum auf ein gesichertes Gründungsdatum beziehen. Und auch die meist stellvertretend herangezogene Ersterwähnung hat meist ihre Tücken. Das entsprechende Dokument ist häufig, wie in diesem Fall, nicht mit einer Datumsangabe versehen, sondern der Zeitpunkt der Ersterwähnung kann nur durch mehr oder weniger scharfsinnige Überlegungen eingegrenzt werden. So verhält es sich bei Dörfern wie z.B. Wilberg und Meinberg oder auch bei (späteren) Städten wie Salzuflen und Blomberg. Auch mit der Namensdeutung sieht es wieder einmal schwierig aus, die Silbe „Vahl-” im Ortsnamen ist nicht befriedigend zu erklären. Heimatforscher haben auf den Begriff „Pfahlbürger” hingewiesen, mit dem in früheren Zeiten Bürger einer Stadt bezeichnet wurden, die außerhalb der Stadtmauern, aber innerhalb der städtischen Feldmark wohnten. Da die beiden lippischen Vahlhausen am Rande der städtischen Feldmarken von Detmold und Horn liegen, erscheint dieser Namensursprung zunächst denkbar. Er ist es aber nicht, denn die beiden Städte wurden erst in der Mitte des 13. Jahrhunderts gegründet. Zu diesem Zeitpunkt existierten die beiden Dörfer schon seit mehreren Jahrhunderten. Es wird wohl eher ein sprachlicher Zusammenhang mit den Grundwort der Namen ”Westfalen” und ”Ostfalen” vorliegen, die im 8. Jahrhundert als Bezeichnungen für die zwei Stämme der Sachsen gebräuchlich wurden, die westlich und östlich der im Wesergebiet ansässigen Engern lebten. Die ältesten schriftlich überlieferten Formen des Ortsnamens lauten „Falahusun”, die ältesten Form des Stammesnamens „Westfalahi” (beides mit Varianten). Die Bedeutung des Wortes „-falen” ist allerdings nicht geklärt. Favorisiert wird von der Forschung für „Westfalen” die Übersetzung „Leute im westlichen flachen Land”; „Vahlhausen” könnte entsprechend so etwas wie „Häuser in der Ebene” bedeuten.

Die Entwicklung des Dorfes

Den Ursprung des Dorfes Vahlhausen bilden vier aus dem Mittelalter stammende Höfe, die in großzügigen Abständen voneinander oberhalb des Naptetals in west- östlicher Richtung aufgereiht liegen: Kuhlemeier, Böckhaus und Meier-Johann (sie bildeten ursprünglich einen Hof), Klöpping sowie Flammenkamp. Erst seit dem 16. Jahrhundert begann sich diese Höfereihe durch die Ansiedlung kleiner Straßenkötterstätten zu verdichten; den „Streucharakter” hat sich Vahlhausen allerdings bis heute bewahrt. Doch bevor die alten Höfe und Stätten von Vahlhausen näher beschrieben werden, wollen wir uns die Entwicklung des Ortes in den letzten vier Jahrhunderten vor Augen führen. Aus dem Jahre 1609 liegt die erste Bevölkerungszahl für Vahlhausen vor: 71 Menschen lebten damals auf zehn Höfen. Neben den Familien und dem Gesinde der Hofbesitzer gab es nur einen Einliegerhaushalt ohne Grundbesitz, nämlich einen Tagelöhner und dessen Frau. Der Straßenkötter Bernd Bockhus war als Schneider tätig und Bernd Bunte als Tagelöhner, ansonsten lebten alle Hofbesitzer von der Landwirtschaft. Während um 1620 die Höfe laut Salbuch noch als relativ wohlhabend galten, fügte auch ihnen der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) schwere Schäden zu. 1642 waren bis auf die Höfe Flammenkamp und Kuhlemeier alle Anwesen „wüst” und von ihren Besitzern verlassen. Die Wiederbesiedlung erfolgte aber recht schnell. Die Volkszählungsliste von 1776 zeigt einen Zuwachs an Einwohnern seit dem Dreißigjährigen Krieg. Damals gab es auf elf Höfen insgesamt 90 Personen, darunter zwei Einliegerfamilien mit sieben Personen, außerdem elf Knechte und sechs Mägde. An Vieh wurden gehalten 27 Pferde, 95 Kühe und Rinder, 49 Schweine und sieben Ziegen. Der einzige Handwerker im Dorf war der Rademacher Driftemann; es gab keinen Müller, keinen Schmied und keinen Krüger. Vahlhausen war ein Dorf ohne Infrastruktur. Kirchlich gehörten die Vah1häuser teils zu Horn, teils zu Meinberg, und ihre Toten wurden auch auf den dortigen Kirchhöfen beigesetzt. Zur Schule gingen die Vahlhausener Kinder ins Nachbardorf Bellenberg, mit dem man bis 1920 eine gemeinsame Bauerschaft bildete. In der Ortsbeschreibung im Salbuch von 1769 heißt es: „Eine Landstraße ginge nicht durch ihre Bauerschaft, sondern nur Wege von einem Dorffe zum anderen.” Eine gemeinschaftliche Viehhude gab es nur „in dem so genandten Vahlhauser Knicke, welcher mit Ellern (= Erlen) und Stauden bewachsen ist. Es praetendiren (beanspruchen) denselben Culemeyer, Klöpping, Bockhus und Meyer Johanns ... Diese könnten jedoch nur täglich etwa den halben Tag 15 bis höchstens 20 Stück Kuhvieh darinnen hüten lassen. „Der Knick gehörte dem Herrn v. Kotzenberg zu Horn, der davon ein so genanntes Knickgeld erhielt. Außer diesem gehört zu Vahlhausen gar keine Hude und Weide, sondern die Leute müßen ihr Vieh auf dreischen (= brachliegenden) Ländereien und Grasfurchen hüten. ” Aus der Ortsbeschreibung geht weiter hervor, dass von Vahlhauser Ländereien der Zehnte, also der zehnte Teil der Ernte, teils an den Grafen zur Lippe, teils an das Adelsgut Vinsebeck, aber vor allem an das Kloster Gehrden abgeführt werden musste. Die Zehntrechte zu Vahlhausen waren in der Mitte des 12. Jahrhunderts von den Grafen von Schwalenberg für 12 Mark Silber an das Bistum Paderborn verkauft worden. Der Bischof von Paderborn belehnte 1177 das Kloster Gehrden mit diesen Zehntrechten (Lipp. Reg. Nr. 82); die darüber ausgestellte Urkunde ist die früheste genau datierte Erwähnung des Ortes. Bereits 1158 hatte das Kloster Gehrden Zehntrechte in „Valehosen” erworben (Lipp. Reg. Nr. 67), wobei es sich allerdings um den gleichnamigen Ort bei Gehrden handelt. Das Adressbuch von 1901 führt 19 Höfe und Stätten in Vahlhausen mit 119 Einwohnern auf (ohne die zu Wehren gehörenden Höfe Flammenkamp und Hofmeister). Die Bevölkerungszahl war also im Vergleich zu 1776 bei weiten nicht so stark gestiegen wie die Zahl der Haushalte. An der Infrastruktur hatte sich einiges geändert: Die Hude war längst aufgeteilt und seit 1895 hatte das Dorf einen eigenen Friedhof. Den geselligen Mittelpunkt bildete seit 1866 die Gastwirtschaft Nolte, doch außer dem obligatorischen Kriegerverein der Veteranen von 1866 und 1870/71 gab es kein Vereinsleben in Vahlhausen-Bellenberg. Neben den dominierenden Landwirten und Zieglern waren inzwischen einige Vahlhauser auch als Viehhändler, Schuhmacher, Tischler, Maurer und Zimmermann tätig, das berufliche Spektrum hatte sich also vergrößert. 1920 wurde die Bauerschaft Vahlhausen-Bellenberg geteilt und bei dieser Gelegenheit die bislang nach Wehren eingemeindeten Höfe Kützemeier (früher Flammenkamp) und Hofmeister mit dem Rest von Vahlhausen ”wiedervereinigt”. Die Häuser erhielten eine neue Nummerierung, und zwar nicht mehr nach Größe und Alter, sondern nach der topographischen Reihenfolge. Das Adressbuch von 1926 meldet 134 Einwohner auf 23 Höfen und Stätten in der Bauerschaft Vahlhausen. Gemeindevorsteher war damals Friedrich Nolte. Während 1901 noch sieben Männer den Beruf Ziegler angaben, war es 1926 nur noch einer; die großen Zeiten des traditionsreichen lippischen Wandergewerbes waren mit dem 1. Weltkrieg zu Ende gegangen. Noch etwas fällt beim Blick ins Adressbuch auf: Inzwischen hatte auch das Telefon Einzug in Vahlhausen gehalten, und zwar bei Friedrich Hagemeister (Hof Kützemeier) und bei Gastwirt August Krüger. An dieser Telefondichte hatte sich 1962 laut Adressbuch noch nicht viel geändert. Hinzugekommen waren Anschlüsse für die Gemeindeverwaltung und den Steinbruchbetrieb von Heinrich Pehle. Das Berufsspektrum hatte sich wiederum gewandelt: Maschinisten, Elektriker, Kraftfahrer und auch einige Fabrikarbeiter werden genannt. Die Familie Krüger betrieb weiterhin die alte Gaststätte und eine Lebensmittelhandlung; Lina Wendt war Poststellenhalterin, Gerhard Wendt Postbote und Walter Kottmann Zeitungsbote; Kurt Blandau auf der früheren Stätte Hofmeister bot in seinem Fremdenheim Urlaub auf dem Bauernhof. ”Regiert” wurden die 167 Einwohner von Vahlhausen durch den Bürgermeister und Landwirt Gustav Rehmsmeier.

Bereits nach nur fünfzig Jahren endete die politische Eigenständigkeit Vahlhausens, denn am 1. l. 1970 wurde das Dorf Ortsteil der Neugegründeten Stadt Bad Meinberg-Horn bzw. Horn-Bad Meinberg. Das oft zitierte ”Dorfsterben” schien auch vor dem Naptedorf nicht Haltzumachen: Viele Landwirte gaben auf, öffentliche Einrichtungen wie das Postamt, der Lebensmittelladen und die Gastwirtschaft stellten den Betrieb ein und junge Leute verließen das Dorf, weil es an ausgewiesenen Bauplätzen fehlte. Die mitten durch den lang gestreckten Ort führende Straße war längst eine Rennstrecke für den Durchgangsverkehrs, was sich auch durch den Bau der B 1 neu in den späten 1980er Jahren noch nicht grundlegend gewandelt hat, Doch seit einigen Jahren erwacht wieder neues Leben in Vahlhausen; die Gründung des Heimatvereins und seine vielen Aktivitäten sind der deutlichste Ausdruck für diesen Trend, der hoffentlich noch lange anhalten wird.

Die Höfe und Stätten

Das Kapitel über die Geschichte der Höfe und Stätten finden Sie hier

Vahlhausen und das Kloster Corvey

Zu Beginn dieses Beitrags habe ich einen Aspekt der ältesten Geschichte Vahlhausens nur angedeutet, nämlich die Zugehörigkeit des Dorfes zur Grundherrschaft des Klosters Corvey und die damit einhergehenden Erwähnungen in alten Corveyer Besitzverzeichnissen, denen wir auch das 1150jährige Jubiläum zu verdanken haben. Dieselben Dokumente zieht auch Günter Hohenhaus in seiner 1996 erschienenen Chronik von Vahlhausen bei Detmold heran. Bei der Sichtung der Corveyer Aufzeichnungen stößt man auf einige Probleme, die etwas ausführlicher erklärt werden müssen. An diesem Beispiel zeigt sich sehr gut, wie schwierig ortsgeschichtliche Forschungen für das Mittelalter sein können. Der Grundbesitz des Klosters Corvey in Lippe ist bislang nur von Arthur Schöning systematisch dargestellt worden, allerdings in einer methodisch und inhaltlich unbefriedigenden Form. Das ist für unsere Heimatforschung bedauerlich, denn die Corveyer Quellen gehören zu den ältesten, die lippische Ortschaften erwähnen. Das an der Weser bei Höxter gelegene Kloster Corvey wurde im Jahre 822 gegründet und verfügte schon bald, dank frommer Schenkungen des sächsischen Adels, über eine weitgestreute und umfangreiche Grundherrschaft. Die Schenkungen, lateinisch „traditiones”, wurden von den Mönchen natürlich schriftlich festgehalten. Die Traditionseinträge sind relativ knapp und verzeichnen neben dem empfangenen Grundbesitz und den Namen der Zeugen die Namen der Schenkenden und ggf. weiterer Personen, für deren Seelenheil die Mönche als Gegenleistung von nun an regelmä8ig beten sollten. Das Datum der Schenkung wurde nicht angegeben, es war in diesem Zusammenhang uninteressant. Zwei Serien von Traditionseinträgen des Klosters sind in spätmittelalterlichen Abschriften erhalten. Die älteren Corveyer Traditionen, die uns hier interessieren, entstanden zwischen 822 und 876. Der Ortsname Vahlhausen wird in dieser Serie viermal erwähnt. Der im folgenden mehrfach genannte mittelalterliche Begriff ”Hufe” ist, vereinfacht gesagt, eine nicht genau festgelegte Größenangabe und entsprach der Ausstattung eines normalen vollbäuerlichen Hofes (zwischen 15 und 30 Hektar Land). Nr. 11: Asulfus schenkt dem Kloster seinen sämtlichen Besitz in „villa Falohus”, nämlich eine Hufe Land mit Wäldern und zehn abhängigen Bauernstellen. Nr. 156: Alfric schenkt dem Kloster für das Seelenheil seines Bruders Ohtrit eine Hufe Land in „Falhahusun” Nr. 164: Hildilec und Tiadbert schenken dem Kloster eine halbe Hufe Land in „Falahusun” mit Wäldern und Weideland. Nr. 182: Ailwardus schenkt dem Kloster zwei Hufen Land in „Falhusun” und eine Hufe in „Heylcanhusun”. Mit großem Aufwand hat sich jüngst Leopold Schütte um eine sichere Identifizierung der in den Corveyer Traditionen genannten Ortsnamen bemüht. Bei den Vahlhausen-Einträgen halfen allerdings seine Computer-Analysen, die in vielen Fällen zu genaueren Lokalisierungen führten, nicht recht weiter, denn es gab im Früh- und Hochmittelalter, wie bereits gesagt, vier Orte dieses Namens, die beiden Vahlhausen bei Horn und Detmold und zwei spätere Wüstungen dieses Namens bei Höxter und bei Gehrden. Das älteste Güterverzeichnis des Klosters aus dem frühen 11. Jahrhundert zeigt, dass Corvey auch in mindestens einem dieser zwei Orte im Höxteraner Bereich begütert war, denn es besaß Höfe in „Valehuson” bzw. „Valehusen”, die dem Fronhof Lütmarsen im heutigen Kreis Höxter zugeordnet waren. Außerdem ist auch eine Wüstung Vahlhausen bei Korbach im Waldecker Land zu berücksichtigen, in der ebenfalls in späterer Zeit Corveyer Besitz belegt ist. Zu ergänzen wäre das von Schütte nicht genannte „Nortvalehusen”, das uns gleich noch begegnen wird. Im Fall des Eintrags Nr. 164 hält Schütte eine Identität mit Vahlhausen bei Höxter für sehr wahrscheinlich. Das „Falhusun” des Eintrags Nr. 182 wird wegen der gemeinsamen Erwähnung mit „Heylcanhusun” (Eilhausen bei Marsberg oder Wüstung Halgehusen bei Korbach) allgemein mit Vahlhausen bei Korbach identifiziert. Demnach könnten sich einer der Einträge Nr. 11 oder Nr. 156 auf unser Vahlhausen beziehen. Die unter Nr. 11 genannten Besitzungen sind etwas zu umfangreich für das eher bescheidene Dorf an der Napte. So kommen wir tatsächlich zu jenem Eintrag Nr. 156 – eine Hufe Land in „Falhahusun” – den schon Schöning ohne Angabe von Gründen favorisiert hat. Die Größenangabe stimmt mit den späteren Urkunden überein. Einige Forscher haben versucht, die einzelnen Traditionseinträge zu datieren, was nicht unumstritten ist. Diesen Eintrag Nr. 156 datierten sie auf die Zeit um ca. 846/847. In der Zeit des Corveyer Abtes Erkenbert, der von 1106 bis 1128 amtierte, entstand ein Güterverzeichnis des Klosters, das zuletzt in dem unten genannten Buch von Hans Heinrich Kaminsky veröffentlicht wurde. Das Verzeichnis führt einzelne Villikationen des Klosters auf, grundherrschaftliche Verwaltungseinheiten, in deren Mittelpunkt ein Fronhof stand. Der Fronhof wurde von einem „villicus” bzw. „maior” (= Meier) bewirtschaftet, der auch die zur Villikation gehörigen abhängigen Höfe verwaltete. In diesem unvollständigen Güterverzeichnis wird auch die Villikation Meinberg (§ 28-30) aufgeführt. Gleich zwei bzw. drei Orte namens Vahlhausen werden hierbei aufgeführt, die dem Fronhof Meinberg zugeordnet waren. Die Angaben lauten im einzelnen: § 28d: Vier Hufen Land in „Valehuson”, von jeder wird jährlich ein Schaf und ein Lamm, 1 maldrum Roggen, 30 modios Hafer und 14 scipulos Malz entrichtet. § 28f: Eine Hufe Land in „Nortvalehusen”, von der ein Schaf und ein Lamm, 1 maldrum Roggen, 25 modios Hafer und 14 modios Malz entrichtet wird. § 29d: Eine Hufe Land in „Valehusen”, von der ein Schaf und ein Lamm, 1 maldrum Roggen, 14 scipulos Hafer und 14 scipulos Malz entrichtet wird. Gehen wir einmal davon aus, da8 es sich um drei verschiedene Ortschaften handelt und da8 sie wie die anderen in § 28-30 genannten Orte im späteren Lippe lagen. Die Bezeichnung „Nortvalehusen” findet sich nur in dieser Quelle; die Siedlung ist offen- sichtlich später Wüstgefallen und lag vermutlich in unmittelbarer Nachbarschaft nördlich von einem der beiden Vahlhausen. Das unter § 28d genannte „Valehuson” mit vier Hufen Land ist sehr wahrscheinlich Vahlhausen bei Detmold. Die unter § 29d genannte Größe von einer Hufe Land in ”Valehusen” findet sich dagegen auch in späteren Corveyer Urkunden wieder, die sich eindeutig auf das Naptedorf beziehen; für den Detmolder Namensvetter fehlen vergleichbare Dokumente. Die älteste dieser Urkunden stammt aus dem Jahre 1358 (WUB IX Nr. 620); damals verpfändete das Kloster einigen Horner Bürgern den Zehnten in der „Helde” (das Gelände im Bereich des heutigen Heller Weges, zwischen Horn und Vahlhausen gelegen) und eine Hufe in Vahlhausen. In den Lehnsurkunden des 16. Jahrhunderts ist nur noch vom „Heller Zehnten” die Rede. Erst im Lehnsbrief von 1617 für Johann Höcker in Blomberg erinnert Corvey daran, dass ursprünglich zu diesem Besitz eine Hufe in Vahlhausen gehörte, die aber das Kloster Gehrden an sich gebracht hätte. Corvey gestattete Höcker und späteren Lehnsinhabern ganz gro8zügig, das entfremdete Recht gerichtlich zurück zu Erstreiten; Corvey selbst wollte sich mit Gehrden aber nicht anlegen. Sollte es dem Lehnsinhaber gelingen, seine Ansprüche durchzusetzen, beanspruchte Corvey allerdings jährlich 1 Malter Gerste und 2 Malter Hafer von diesem Besitz. Die Behauptung, das Kloster Gehrden hätte sich Corveyer Rechte in Vahlhausen angemaßt, trifft sicher nicht zu. Wie bereits oben beschrieben, war Gehrden seit 1177 durch den Bischof von Paderborn mit dem Vahlhauser Zehnten belehnt, doch Corvey besaß in Vahlhausen nicht Zehntrechte, sondern eine Hufe Land, was einen erheblichen Unterschied macht. Welcher alte Hof in Vahlhausen sich rühmen könnte, ehemals Corveyer Besitz gewesen zu sein, lässt sich nach dem bisherigen Stand der Forschung nicht eindeutig sagen. Arthur Schöning meinte, es wäre Meierjohann Nr. 3, den er irrtümlich mit dem Hof Blandau gleichsetzt, gibt aber wieder einmal keine Begründung dafür. Da der Hof Meierjohann aus dem 1326 der Hofkapelle in Horn überlassenen Grundbesitz hervorgegangen ist, Corvey aber noch 1358 im Besitz der Vahlhauser Hufe war, ist Schönings Identifizierung mit Sicherheit falsch. Wahrscheinlich war der Hof Kuhlemeier, der dem Heller Zehntbezirk am nächsten lag, der frühere Besitz des Klosters Corvey. Anhand der schriftlichen Quellen ist das aber nicht nachweisbar; nur eine Analyse der Parzellenstruktur, Flurformen und Flurnamen könnte die mittelalterliche Siedlungsentwicklung in Vahlhausen genauer klären.  

Literatur und Quellen

G. Hohenhaus, Vahlhausen. Rodeweiler an den Grenzen der Residenz, Detmold 1996 – C. W. Isermann, Nachrichten und Notizen über die Stadt Horn ..., hg. v. H. Vennefrohne, Horn-Bad Meinberg 1977 – H. Klöpping, Das Geschlecht Klöpping aus Vahlhausen bei Horn in Lippe, Ennepetal 1970 – A. Redeker: Flammenkamp. Geschichte des Hofes Wehren Nr. 1, Manuskript, Detmold 1980 – A. Schöning, Der Grundbesitz des Klosters Corvey im ehemaligen Lande Lippe, Bd. 3, Detmold 1960 – Gr. Vogt, Hausinschriften im Amt Horn, Examensarbeit, Detmold 1948 Die lippischen Landschatzregister von 1535, 1545, 1562 und 1572, bearb. v. Fr. Verdenhalven, Münster 1971 – Die lippischen Landschatzregister von 1590 und 1618, bearb. v. H. Stöwer, Münster 1964 – Salbücher der Grafschaft Lippe von 1614 bis etwa 1620, bearb. v. H. Stöwer u. Fr. Verdenhalven, Münster 1969 – Adressbuch für das Fürstenthum Lippe, Detmold 1901 – Adressbuch für das Land Lippe, Detmold 1926 – Lippisches Landes-Adressbuch, Detmold 1961 Westfälisches Urkundenbuch (= WUB), Bd. IX: Die Urkunden des Bistums Paderborn 1301-1325, Münster 1972-I993 – Lippische Regesten (= Lipp. Reg.), bearb. v. O. Preuß u. A. Falkmann. Bd. 1-4, Detmold/Lemgo 1860-1868. – Lippische Regesten. Neue Folge (= Lipp. Reg. NF), bearb. v. H.-P. Wehlt. 1.-5. Lieferung, Detmold 1989-1995 – Die alten Mönchslisten und die Traditionen von Corvey, Teil 1: Edition, bearb. v. Kl. Honselmann, Paderborn 1982, Teil 2; Indices und andere Hilfsmittel, bearb. v. L. Schütte – H. H. Kaminsky, Studien zur Reichsabtei Corvey in der Salisierzeit, Köln/Graz 1972 – Ausgrabungen und Funde in Westfalen-Lippe, Bd. 8A, 1992, S. 198

Staatsarchiv Detmold: Salbücher von 1769, 1781, ca. 1830 und 1856 (L 101 Cl Amt Horn Nr. 11, 13, 25 u. 30); Heberegister und Volkszählungen von 1609, 1642, 1665, 1776 usw. (L 92 Z IV Nr. 7, 9 u. 31); au8erdem Akte L 33 B XI Nr. 9 (betrifft Knick Henrichs Stätte).

Staatsarchiv Münster: Akten Fürstabtei Corvey Nr. 1867-1869.

  Aus:  „Heimatland Lippe – 1150 Jahre Vahlhausen“ – Detmold 1997.  Mit freundlicher Genehmigung des Autors